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31. Oktober 2020

Ausflug der Woche: Von Nürnberg-Nordostpark zum Tiergarten

Aus: »Nürnberg, Fürth, Erlangen. Bethang: Wandern an den Grenzen einer Stadtutopie«

Eine schöne, abwechslungsreiche Etappe, wie so oft mit angenehmen Wegen durch Wald und an Wasser  – dazu viel Stadt-Kultur-Geschichte. Und doch gilt es auf dieser und der nächsten Etappe zu bedenken: »Die Linien der Humanität und Urbanität fallen nicht zusammen.« (Georg Christoph Lichtenberg, Aufklärer im 18. Jahrhundert)

 

Weglänge: 13,4 km, kaum Steigungen

Netto-Gehzeit: 3 Std., zuzüglich Zeit für Sehenswertes

Wegverlauf: Nordostpark – Erlenstegen – Hammer – Schmausenbuck – Tiergarten

Start: in der Thurn-und-Taxis-Straße bei den Bushaltestellen Nordostpark; dorthin von Nürnberg Hbf. mit der U-Bahn U2 bis Station Herrnhütte, weiter mit den Buslinien 30, 31

Rückfahrt: vom Tiergarten mit Tramlinie 5 nach Nürnberg Hbf. (oder zur S-Bahn S1 in Mögeldorf). Auch Buslinie 45 nach Ziegelstein/U2oder Frankenstraße/U1.

Unterwegs von der Erlenstegenstraße mit Tramlinie 8 oder vom Bf. Nürnberg-Erlenstegen mit der Regionalbahn nach Nürnberg Hbf; in der Henfenfelder Straße Bushaltestelle der Linie 40 nach Mögeldorf/S1; nahebei S-Bahn Haltestelle Laufamholz

Einkehrmöglichkeiten: Waldrestaurant Schießhaus (Montag geschl., Tel. 09 11/5 97 20 01); in Erlenstegen: Gasthaus Goldener Stern beim Bf. Erlenstegen (Montag geschl., meist nur abends, Tel. 09 11/47 89 60 36), Café Glückswinkel (Montag geschl., Tel. 09 11/59 14 68), zudem Der Beck; Restaurant/Biergarten Zur Hammerschmiede, Laufamholzstraße (Dienstag geschl., Tel. 09 11/50 22 77).

 

Wir schreiten mir der Bethang-Markierung vom Bus kommend durch die Thurn-und-Taxis-Straße, die große Ampel-Kreuzung der Äußeren Bayreuther Straße im Rücken. Die semi-transparenten Parkhäuser des Nordostparks mitsamt dem ganzen Technologie-Park verlieren wir dabei schnell aus Sinn und Blick. Nach 300 Metern halblinks in eine Waldfuhre, die genau auf der Bethang-Grenzlinie verläuft. Hier gibt es einen Beschluss, die geschützte Bannwald-Zone zu vergrößern; hoffentlich nutzt es was. Rechts fällt ein irgendwie besonders aussehender Sandhaufen auf: eine stattliche Düne! Nach dem Ende der jüngsten Eiszeit (vor gut zehntausend Jahren) war der nur von schütterer Pflanzendecke bedeckte Sandstein erodiert, zermürbt durchs raue Klima, durch Wind und Wasser, durch Hitze und Frost. Die Sandkörner wurden durch die Gegend geblasen, Dutzende bis zu fünf Meter hohe und Hunderte Meter lange Sanddünen bildeten sich im späteren Reichswald. Hier steht dazu eine Infotafel zur Sandachse Franken; später treffen wir auch noch auf den Dünenweg.

Es geht am Tierfriedhof, der seit 1989 vor allem Einblicke in die menschliche Psyche gewährt – Tiere scheinen liebenswerter und verlässlicher zu sein als so mancher Zweibeiner – , und am großen Tierheim an der Stadenstraße vorbei. (Staden, auf dem Johannisfriedhof bestattet, war Organist der Lorenzkirche. Im Nürnberger Rathaussaal erklangen 1649 seine Musikalischen Friedensgesänge.) Wir bewegen uns auf dem Bierweg, der sicherlich aus guten Gründen so heißt. Da liegt auch – wirklich wahr! – der »Boxer Klub Gruppe Fürth« (auch hier sind wieder Hunde gemeint!).

Dann werden wir zum 1910/11 erbauten Schießhaus der Hauptschützengesellschaft Nürnberg gewiesen, deren Gründung sich aufs Jahr 1429 (kein Zahlendreher!) zurückverfolgen lässt – bis vor die »Entdeckung« Amerikas 1492! Treffliches Schießen ist halt, seit jeher und durch die Jahrhunderte, ein äußerst erstrebenswertes Ziel ...  Vor dem stattlichen Schießhaus posiert ein ebenso stattlicher steinerner Amor, ausgestattet mit einer beeindruckender Armbrust von gewiss durchschlagender Wirkung.

Am Zaun des Schießhausgeländes entlang zum »renaturierten« Tiefgraben, der seinem Namen alle Ehre macht. (Zutrauliche Rotkehlchen erfreuten und begleiteten uns hier neugierig ein ganzes Stück.)Sein wildes Mäandrieren zwischen Efeu und Dorngebüsch begleitet uns ein Stück ins Innere von Bethang, dabei durch einen Tunnel der ehemaligen Ringbahntrasse, deren Betrieb 1992 eingestellt wurde. Weiter in den erlesenen Ortsteil Erlenstegen hinein, in dem Politiker und Großunternehmer wohnen. Am schön gelegenen Naturgartenbad entlang (bekannt für sein recht frisches Wasser und den sogenannten Rolex-Hügel der »gehobenen Besucher«) bis zur Erlenstegenstraße.

Gegenüber liegt die Wendeschleife der Straßenbahnlinie 8, dahinter der Bf. Nürnberg-Erlenstegen der Linie R3, rechts von uns das Gasthaus Goldener Stern (schräg gegenüber Bäckerei/Café Der Beck), links ums Eck, ein wenig abseits der Markierung, das mit vollem Recht so geheißene Café Glückswinkel. Wir queren bei der Ampel die Straße, tauchen durch die Bahnunterführung und halten uns links. Schnell erreichen wir wieder die Straße, wo es stadtauswärts bis vor 50 Jahren ein beliebtes Ausflugslokal gab, den Kalbsgarten. Mitte des 14. Jahrhundert betrieb Kaiser Karl IV., auch böhmischer König und Nürnberg sehr zugetan, so geschickt seine Hausmachtpolitik, dass für einige Jahrzehnte hier die Grenze zwischen der Freien Reichsstadt und dem Königreich Neuböhmen verlief. Eine Plakette und ein Bildstock erinnern daran, Letzterer allerdings nur im Abguss, denn das von einem Lkw demolierte Original soll in den Magazinen des Germanischen Nationalmuseums lagern. Hier erreichte auch, von Lauf kommend, die später so genannte Goldene Straße das Stadtgebiet. Sie wurde von Karl aus eigennützigen Gründen zwischen Nürnberg und Prag für den Gütertransport verbindlich festgelegt, nämlich um den bayrischen Hochadel der Wittelsbacherauszubremsen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein heutiger Grenzstein Nürnbergs. Der aktuelle Grenzverlauf folgt von hier seelenlos dem Asphaltband der Erlenstegenstraße bis zur Autobahn-Anschlussstelle Behringersdorf, vondort weiter der Autobahn nach Süden.

Zum Glück dürfen wir rechts abwärts zur Pegnitz, beim Wasserwerk Erlenstegen der N-ERGIE, die dort mit einem Trinkbrunnen für Durstige aufwartet. Die N-ERGIE Aktiengesellschaft zählt zu den größten Stromanbietern Deutschlands. Sie versorgt seit dem Jahr 2000 Teile Mittelfrankens und angrenzender Gebiete mit Strom und Erdgas, die Stadt Nürnberg zusätzlich mit Wasser und Fernwärme.

Der Pegnitzsteg führt uns über das im Allgemeinen friedfertig wirkende, insgesamt keine 120 Kilometer lange Flüsschen. Aber was hat es früher BEthang unter Wasser gesetzt! Von mehr als hundert Überschwemmungen berichtet die Chronik bis 1956. Dann war Schluss damit, nach dem Bau des Hochwasserstollens zwischen Museumsbrücke und Trödelmarkt nämlich.

 

Spekulation:

Die Pegnitz ist nun der dritte der »großen« Bethang-Flüsse, nach Rednitz und Regnitz. Obwohl – sind’s jetzt eigentlich zwei oder drei Flüsse? Oder doch eher zweieinhalb? Zwei vereinigen sich zwischen den Fürther Stadtteilen »Eigenes Heim« (Baugenossenschaft seit 1909) und »Am Ronhof« (vom Althochdeutschen für »Rodung«). Dort müssen Pegnitz und Rednitz je einen Buchstaben hergeben, bekommen aber dafür je einen neuen ... wahrlich ein intimes Verhältnis! Und wie heißen nun die zweieinhalb Flüsse »insgesamt«? – Hören wir’s da nicht murmeln: »Ach wie gut dass niemand weiß ...« – »Ha! heißest du vielleicht ...  P R E D G N I T Z?!?«

 

Wir betreten am Olga-Pöhlmann-Weg das ziemlich neue und auch umstrittene Naturschutzgebiet Pegnitztal Ost. Hier gibt’s einen pfiffigen Naturerlebnispfad zum Thema »Wasser« mit originellen Hinweisen. Pöhlmann, 1880 bis 1969, war eine vielseitige Frau, ab 1927 Redakteurin der Frauenzeitung des Fränkischen Kuriers. – Bei gutem Wetter sind wir sicher nicht allein, sondern in zahlreicher Gesellschaft anderer Füße, Pfoten und Räder. Bald erscheinen die Ruinen von Schloss Oberbürg; der Patrizier Groland ließ es ab 1407 erbauen. Es lag zerstört nach dem Ersten Markgrafenkrieg Mitte des 15. Jahrhunderts, und nach Umbau zum Wasserschloss wieder nach dem Zweiten Mitte des 16. Jahrhunderts. 1628 wurde es dann als Barockschloss ausgebaut, schließlich 1943 ganz modern zerbombt. Dort rauscht eine Stromschnelle, direkt beim Schild Flusskilometer 16,0. So weit ist’s also von hier aus bis zum Pegnitz-Ende, zugleich dem Geburtsort der Regnitz!

Bald kommt Hammer, 1372 urkundlich erwähnt und später 600 Jahre lang Industriesiedlung zur Fabrikation dünner Messingbleche. Wir stoßen als Allererstes auf ein Wehr, aber nicht mehr von der Hammermühle, sondern eines Flusskraftwerks. Eine Fischtreppe für die sonst ab- und eingesperrten wahren Pegnitz-Bewohner bringt starke Sympathiepunkte. Von hier ginge es zum Restaurant Zur Hammerschmiede (mit Biergarten) aufwärts, bis über die Straße. Die Bethang-Markierung allerdings leitet durchs Tor hinein nach Hammer.

Kaum sind wir am Ende von Hammer ein Stück gerade aus auf dem Radweg weiter ins Naturschutzgebiet Pegnitztal Ost vorgedrungen, werden wir zusammen mit der Markierung für den Fränkischen Dünenweg hoch zur Laufamholzstraße geschickt. Gegenüber geht’s in die Henfenfelder Straße (Bushaltestelle der Linie 40 nach Mögeldorf oder Schwaig) und danach durch die nicht sonderlich märchenhafte Andersenstraße. (Hält man sich vor ihr rechts, kommt man durch die Schupfer Straße zur S-Bahn-Haltestelle Laufamholz.)

Auf einen Pfad in den Wald, unter der S1-Bahnlinie durch. Bald lichtet sich der Lorenzer Reichswald – wir sind neuerdings »orografisch« links der Pegnitz (d. h. in Fließrichtung gesehen), wie der Stadtteil Sankt Lorenz – zugunsten eines breiten Streifens für eine Doppel-Stromtrasse. Und flugs kommt die nächste Hochspannungsleitung ... und ewig rauschen die Autobahnen. – Ein breiter Weg quert, eine leichte Steigung beginnt, nach rechts lockt eine Abkürzung zum Tiergarten. Wir gehen aber eisern nahe der Bethang-Grenzlinie weiter und biegen kurz vor dem Ende der Steigung nach rechts wellig durch Kiefernwald mit Beeren, Pilzen und Wildschweinspuren; auf früheren Sandsteinabbau wird hingewiesen. Eine weitere Stromtrasse erlaubt das Freihalten einer Heidefläche. Dabei hilft der Fränkische Albverein ab und zu den Reichswald-Förstern, mit denen er überhaupt in einem guten Verhältnis steht.

Bei einer ausgeprägten Wegekreuzung, an der ein großes Technikschild zum Nordic Walken informiert, kann man rechts abwärts ohne unsere Markierung die gut 200 Meter entfernte gefasste Quelle der Buchenklinge erreichen, die 1372 erstmals erwähnt wird und als Rastplatz für Steinbrucharbeiter und Ausflügler diente. (Von dort könnte man wieder zurück, oder – einfach weiter dem Hauptweg folgend – am 70.000-Kubikmeter-Trinkwasserspeicher und dem Waldwichtelkindergarten vorbei mit gelegentlichen Wegweisern den Tiergarten erreichen.)

An Felsen vorbei, mehr oder weniger in Eintracht mit Radsportlern und Nordic Walkern, manchmal erschreckt vom Raubtiergebrüll des nahen Tiergartens, steigen wir hinauf zum 29 Meter hohen Schmausenbuckturm. Der wurde 1888 erbaut und nach alliiertem Beschuss am Kriegsende erst 1962 wiederhergestellt. Im Sommer ist er an Sonntagnachmittagen gegen Gebühr zugänglich. Daneben steht der ältere, wenig auffallende, aber anrührende Gedenkstein für den hier im Jahr 1860 verunglückten Schüler Karl Daniel Kraußer.

Der Schmausenbuck mit seinem Burgsandstein diente bis in die Neuzeit als Baustofflieferant. Er liegt heute im Landschaftsschutzgebiet und war bis zur Eingemeindung von Brunn (407 m) mit 390 Metern Meereshöhe die höchste Erhebung im Nürnberger Stadtgebiet. Einst hieß er Reuhelberg, wurde dann aber nach dem RotbierbrauerGeorg Schmaus umbenannt, der das Gelände im Jahr 1670 der Stadt abkaufte. (Brauchte der vielleicht Bierkeller?)

Über Stufen abwärts, am Zaun des Tiergartens entlang, der eine ganz eigene östliche Ausbeulung der Bethang-Grenze bewirkt. Durch maroden Wald weiter hinab zum Eingang.

 

Einblick:

Am 11. Mai 1912 öffnete der Nürnberger Tiergarten am Luitpoldhain seine Pforten. Ein Besucheransturm füllte die Kassen, bald konnten mehr als 1.200 Tiere präsentiert werden. Der »neue« Tiergarten wurde im Jahr 1939 von einem gewissen A. Hitler eröffnet, eben demselben, der zuvor verfügte, dass der Zoo vom Dutzendteich weg muss, um Platz zu machen für die von ihm geschätzten Massenaufmärsche. Die Stadt beauftragte die Architekten Schmeißner und Seegy mit der Neuanlage; sie schufen einen der schönsten deutschen Landschaftszoos. Schmeißner, ab 1940 Leiter des Hochbauamtes und 1941 Hochbaureferent in der NS-Stadtverwaltung, war für den Aufbau der Stadt nach dem Krieg vorgesehen, und zwar von A. Speer (1905–1981) persönlich. Der war Generalbauinspektor, ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung etc. und Herr über KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter. Schmeißner musste allerdings erst eine Zuchthausstrafe verbüßen, weil er die aus Wien geholten Reichskleinodien des »Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation« vor den siegreichen Amerikanern versteckt hielt. Die Reichsinsignien waren anno 1424 »auf ewig« von Kaiser Sigismund wegen der dicken Mauern in Nürnberg deponiert worden, wurden dann aber 1796 zum vermeintlichen Schutz vor Napoleon doch nach Wien verbracht. Viel, viel später wird Schmeißner, rehabilitiert und »geläutert«, 1949 wieder Baureferent. Er prägt den Wiederaufbau Nürnbergs entscheidend bis zu seinem Ruhestand 1970. 1971 erhält er die Bürgermedaille der Stadt Nürnberg.

 

Ein Stück unterhalb des Tiergarten-Eingangs liegt die Wendeschleife der Tramlinie 5, die über Mögeldorf (S-Bahn S1) nach Nürnberg Hbf. fährt. Zudem knapp neben dem Eingang Haltestellen der Buslinie 45 zur Frankenstraße/U1 oder nach Ziegelstein/U2.


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